IoT – Sind deutsche Unternehmen bereit?

Das Internet der Dinge: Nutzen und Hemmnis

Das Potenzial der IoT-Technologien wird nur teilweise erkannt – es gibt große Unterschiede zwischen Branchen

Das Internet der Dinge ist zentraler Pfeiler der Digitalisierungsstrategie von Unternehmen – in Deutschland und international. Dabei geht es nicht nur um die bloße Vernetzung, sondern darum, Wettbewerbsvorteile daraus zu erzielen: Wer Datenströme analysieren und in Wissen umwandeln kann, hat Vorteile im Markt.

Aber sind Unternehmen überhaupt bereit für das Internet der Dinge in Deutschland? Welche Erwartungen knüpfen sie an das IoT? Und gibt es einen Unterschied im Reifegrad zwischen Fertigung und Logistik, Handel sowie Dienstleistern? Die Gemeinschaftsstudie „Wettbewerbsfaktor Analytics im Internet der Dinge“ der Universität Potsdam und der SAS Institute GmbH liefert einen Einblick in den Stand von IoT-Einführungsprojekten, Herausforderungen sowie das zukünftige Potenzial der Technologie. Befragt wurden hierzu 5.777 Unternehmen unterschiedlicher Branchen – was dabei herausgekommen ist, erfahren Sie zusammengefasst in unserem heutigen Blogbeitrag.

 

Weniger als die Hälfte der Unternehmen setzt sich aktiv mit dem Internet der Dinge auseinander

Internet der Dinge Obwohl das Thema Digitalisierung aktueller denn je ist, setzen sich noch nicht alle befragten Unternehmen mit dem Internet der Dinge auseinander: Nur 43,5 Prozent der Befragten setzen sich derzeit aktiv mit dem Thema auseinander. Große Unterschiede gibt es in den einzelnen Branchen: In Fertigung (50%) und Logistik (51%) ist es rund die Hälfte der Unternehmen, während der Handel (nur 35%) und das Gesundheitswesen (38%) deutlich hinterherhinken.

Eine Kosten-Nutzen Frage: Die Herausforderungen

Internet der Dinge Größtes Hindernis für die Implementierung des Internet der Dinge im Unternehmen ist die Frage nach dem Nutzen: Für 63 Prozent der Firmen, die IoT noch nicht implementiert haben, ist dies die größte Hürde, die es zu bewältigen gilt. Unabhängig davon sehen alle befragten Unternehmen im Fehlen technischer Standards (60%), sowie geeigneter Plattformen zur Datenintegration (47%) die größten Herausforderungen. Aber auch die Kosten für die zusätzliche Infrastruktur zur Vernetzung (40%) sowie Bedenken bei Datenschutz (40%) und Datensicherheit (33%) wurden als häufige Hindernisgründe genannt.

Hohe Ziele und Erwartungen

Die mit dem Einsatz des IoT verbundenen Ziele sind verschieden. Für die Hälfe der Befragten (50%) steht die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen im Vordergrund. 40 Prozent erhoffen sich eine Verbesserung der Effizienz und lediglich 5 Prozent möchte das Internet der Dinge in Deutschland für neue Geschäftsmodelle und zur Prozessüberwachung nutzen. Einen Einfluss auf signifikante Umsatzsteigerung zwischen 6 und 20 Prozent erwartet die Mehrheit der Unternehmen (60%) in rund 5 Jahren. Nur 13 Prozent sehen innerhalb der nächsten fünf Jahre keinen Einfluss auf den Umsatz durch IoT. Über zwei Drittel der Unternehmen erwarten in fünf Jahren außerdem auch eine erhebliche Effizienzsteigerung durch das Internet der Dinge.

Umfassende IoT-Strategie fehlt

Internet der Dinge Um diese Potenziale zu heben, braucht es jedoch entsprechend erfolgreiche Umsetzung. Und hier kommt das Management ins Spiel: Die Macher der Studie sind davon überzeugt, dass eine unternehmensweite Strategie, in der die Anstrengungen zielgerichtet gebündelt werden, ein Indikator für die Bedeutung von IoT und die Reife der Nutzungsideen ist. Derzeit allerdings werden Einsatzszenarien häufig nur getestet. Das zeigen auch die Zahlen: Eine unternehmensweite Implementierung des Internets der Dinge findet bei lediglich 13 Prozent der Befragten statt – bei allen anderen ausschließlich auf Projektbasis oder Abteilungsebene.

Übrigens: IoT-Projekte zur Produkt- und Dienstleistungsentwicklung befinden sich bei Fertigung, Handel und Gesundheitswesen in der Regel noch in der Testphase oder in der prototypischen Implementierung. Das zumindest gaben 16 und 10,5 Prozent der Befragten an. Banken sind hier offenbar schon einen Schritt weiter, denn laut Studie haben die ersten Banken (5% der Befragten) bereits damit begonnen, die Sensordatenanalyse in entsprechenden Projekten zu integrieren. Das sieht auf den ersten Blick recht mager aus, allerdings erwarten die Initiatoren der Studie, dass dieser Anwendungsbereich branchenübergreifend zunehmen wird: Knapp die Hälfte aller Unternehmen (47%) befindet sich in der Ideenfindungsphase.

Datennutzung bislang Fehlanzeige

Internet der Dinge Die schieren Massen an Daten und Informationen, die durch das IoT produziert werden, lassen sich im Unternehmen zur Entscheidungsfindung und Prozesssteuerung verwenden. Soweit die Theorie. Ein Blick in die Praxis sieht trübe aus: Nur zwei Drittel der befragten Unternehmen nutzen überhaupt Daten zur Entscheidungsvorbereitung. Davon haben 43 Prozent bislang lediglich ein Viertel ihrer Daten erschlossen und nur 7 Prozent gelingt es, mehr als die Hälfte der durch das Internet der Dinge erzeugten Daten zu nutzen.

Die Aufgabe wird für die meisten Unternehmen in den kommenden Jahren also verstärkt darin liegen, überhaupt erst einmal die technische Infrastruktur zu schaffen, mit deren Hilfe Daten aus ihrer Sensorik gesammelt werden können. Zusätzlich ist es notwendig, Auswertungsroutinen, also Regeln und Verfahren, zu verankern, die dabei helfen, Entscheidungsfindungen zu erleichtern.

Der Blick auf einzelne Branchen

Kommen wir zurück auf die eingangs erwähnten Branchen. Für Handel, Logistik, Fertigung, Gesundheitswesen sowie Versicherungen bietet das IoT unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten, die von den Studieninitiatoren hinsichtlich ihrer Potenziale untersucht wurden. Denn wenn in der Produktion, Logistik und im Handel mit physischen Produkten umgegangen wird und messbare Daten direkt im internen Prozess entstehen, so wird das IoT im Gesundheitswesen oder bei Versicherern in der Regel beim Kunden eingesetzt. Die gewonnen Datenströme können dann unmittelbar zur besseren Leistungserstellung genutzt werden.

Versicherungen

Daten für eine bessere Risikobewertung oder für eine individuellere Gestaltung von Versicherungsprodukten und Tarifen: Das IoT eröffnet der Versicherungsbranche etliche Optimierungsmöglichkeiten hinsichtlich der Erweiterung des Produktportfolios um verhaltensbasierte Produkte.

Das IoT-Potenzial wird in dieser Branche insgesamt als recht hoch bewertet. Insbesondere, wenn es um die Auswertung von Daten in stark abgegrenzten Bereichen (wie bei Connected Car, Connected Home) geht, wird das IoT als zukunftsträchtig erachtet. So lassen sich beispielsweise Versicherungstarife unter dem Stichwort „pay as you live“ individuell gestalten. Ähnlich hoch wird auch das Potenzial vom Internet der Dinge in Assistenz- und Präventionsprogrammen in Deutschland eingeschätzt. Interessanterweise haben trotz hoher Potenzialbewertung Versicherer den Initiatoren der Studie keine bereits initiierten Projekte benannt.

Handel

Hier gilt es zwischen Online- und stationärem Handel zu unterscheiden, da das IoT unterschiedliche Einsatzbereiche bereit hält.

Internet der Dinge Im Online-Handel bieten ortsbezogene Anwendungen, automatisierte Bestellungen und Logistikanwendungen „der letzten Meile“, also der letzte Abschnitt vor Auslieferung beim Kunden, das höchste Zukunftspotenzial. Während Payment-Anwendungen kaum auf Interesse stoßen, werden erste Projekte nach Angabe der Befragten bei automatisierten Bestellungen realisiert. Im Bereich Connected Home befinden sich Projekte derzeit in der Planung.

Der stationäre Handel sieht insgesamt ein nicht ganz so großes Potenzial im IoT. Bei der Handhabung des Sortiments stößt es jedoch auf Interesse. Durch die Möglichkeit des Monitorings der Produkteigenschaften und der automatischen Bestandsführung sehen die Befragten ein mittleres bis hohes Potenzial für Effizienzsteigerungen. Ähnlich hoch wird der Nutzen des IoT bei der Verfolgung der Produkteigenschaften (Unversehrtheit, Haltbarkeit) gesehen. So werden erste Projekte mit dem Einsatz vom Internet der Dinge in der automatischen Bestandsführung, bei der Produktindividualisierung und in der Kundenidentifikation in Deutschland vorangetrieben. Wenig Beachtung, weil mit geringem Nutzwert verbunden, schenkt der stationäre Handel Paymentanwendungen.

Fertigung

Mit dem Aufkeimen von Industrie 4.0 ist das Thema Digitalisierung in der Fertigung längst präsent. Das höchste Potenzial wird in der Überwachung der Maschinenzustände und der Planung von Wartungszyklen gesehen und die Implementierung von IoT wird in dieser Branche bereits sehr aktiv betrieben. Denn ein durch Produktionsausfall ungeplantes Wartungsfenster und dadurch bedingte Termin- und Lieferschwierigkeiten haben unmittelbaren Einfluss auf monetäre Einbußen.

Vielversprechend ist auch die flexiblere Produktionsplanung, denn die hierfür notwendigen Daten liefert das Internet der Dinge in Echtzeit: Über Echtzeitregelkreise lassen sich Produktionsaufträge flexibler takten und spontane Veränderungen an den Produktkonfigurationen vornehmen. Das Potenzial der Planung mit Ist-Daten wird daher als hoch bewertet.

Laut Studie werden einzelne Projekte bereits bei der Zustandsermittlung, aber auch im Rahmen der Erhöhung der Energieeffizienz durchgeführt. Zur Vorhersage von Funktionsstörungen und der Planung von Wartungszyklen seien viele neue Projekte in Vorbereitung.

Logistik

Internet der Dinge Große Potenziale bietet das IoT auch für die interne Lagerhaltung, Qualitätsmanagement und Logistik. Insbesondere das Tracking und Tracing von Produkten und Bestellungen sehen die befragten Unternehmen als zentrales zukünftiges Anwendungsfeld. Einsatzfelder von smarten Sensortechnologien sind beispielsweise die Lokalisierung einzelner Produkte im Lager, die intelligente Nutzung von Lagerkapazitäten sowie die autonome Lagerverwaltung.

Es ist also kaum verwunderlich, dass konkrete Projekte in der Lagerhaltung – und hier im Tracking und Tracing sowie der Auffindbarkeit im Lager – aber auch bei der Erhöhung der Energieeffizienz der Lagerung geplant und realisiert sind.

Gesundheitswesen

Der Überwachung von Fitness- und Vitaldaten über Wearables zur Gestaltung von Präventionsprogrammen, zur automatisierten Alarmierung von Hilfs- und Notdiensten oder für die Nutzung als Assistenzsysteme in der Medikamentierung wird von Krankenkassen und der häuslichen Krankenpflege ein sehr hohes Potenzial zugeschrieben. Den größten Nutzen des Internet der Dinge erwarten Branchenkenner in der Entlastung der stationären Infrastruktur und der Verlagerung von Überwachung und Therapie in den ambulanten Bereich. So lassen sich laut Studie über die Erhebung von gesundheitlichen Langzeitdaten und den Abgleich der Vitaldaten mit bekannten Mustern individuelle Behandlungs- und Pflegepläne effizienter gestalten.

Fazit: Potenziale kaum erkannt

Sagt der Rasenmäher zur Laterne

Lesetipp Maschinen und Dinge kommunizieren miteinander. Produktion, Produkte und Entwicklung vernetzen sich. Das ist Industrie 4.0. Nur ein strapazierter Begriff oder steht die Arbeitswelt endgültig vor einem dramatischen Umbruch? Mit dieser Frage beschäftigt sich unser Gastautor Prof. Rainer Neumann, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Karlsruhe, in diesem Artikel.
Das Potenzial von IoT-Technologien wird nur teilweise erkannt und es gibt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen: Als Treiber von IoT-Projekten sind klar die beiden Branchen Fertigung und Logistik erkennbar. Versicherungen, der Handel und das Gesundheitswesen hinken hingegen mit wenig konkreten Aktivitäten hinsichtlich der Nutzung vom Internet der Dinge in Deutschland zum Teil deutlich hinterher. Umsatzsteigerung durch die Bereitstellung besserer Produkte und Dienstleistungen sowie Effizienzverbesserungen durch eine schnellere interne Datenversorgung sind die beiden Kernziele, die mit dem Einsatz von IoT verfolgt werden. Zwar noch nicht derzeit, jedoch binnen fünf Jahren sehen Unternehmen hier erhebliche Potenziale. Konkrete Projekte zeigen, dass vor allem die Effizienzerhöhung und Prozessüberwachung vorangetrieben werden sollen. Die Bewertung des Nutzens und das Kostenrisiko stellen für Unternehmen aller Branchen das größte Hemmnis dar, das Internet der Dinge zu nutzen. Zudem fürchten viele Unternehmen, nicht das notwendige Know-how zu haben, um IoT effektiv zu nutzen.

geschrieben von: Richard Koncz

Richard Koncz

Richard Koncz ist im Marketingteam der GBS verantwortlich für die Bereiche Webseiten-Marketing, Suchmaschinenoptimierung und Social Media.

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