Digitalisierung: Jobkiller oder Heilsbringer?

Digitalkompetenz ist gefragt

Digitalisierung verändert Arbeit

Ende des 20. Jahrhunderts hat die 4. Industrielle Revolution begonnen. Ihr Fokus liegt auf zunehmender Digitalisierung analoger Techniken und der Verknüpfung von Alltagsgegenständen mit intelligenten Steuerungsprozessen. Die Vorstellung, dass dieser Fortschritt Arbeitsplätze vernichten würde, beziehungsweise Digitalisierung ein Jobkiller sei, hält sich beständig. Was aber wäre, wenn die Arbeitsplätze gar nicht verschwinden, sondern sich die Arbeit nur ändert?

5 Millionen Jobs bis 2020 in Gefahr

Es klingt schon beängstigend: Die fortschreitende Digitalisierung in Fabriken und Büros könnte einer „Studie des Weltwirtschaftsforums“ zufolge bis 2020 mehr als fünf Millionen Jobs kosten. Auch die beiden Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne der Universität Oxford prophezeiten 2013 in ihrer Studie „The Future of Employment“ Düsteres: 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA könnten bis Mitte der 2030er Jahre durch intelligente Roboter oder Software ersetzt und damit verloren gehen.

1,4 Millionen neue Industrieroboter bis 2019

unverzichtbares Zahnrad im Digitalisierungsgetriebe Wie zudem der „World Robotics Report 2016“ zeigt, sollen bis 2019 1,4 Millionen neue Industrieroboter weltweit ihre Arbeit aufnehmen. Bereits jetzt befinden sich 65 Prozent der Länder, die eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Industrierobotern pro 10.000 Angestellten haben, in der EU. Deutschland ist noch vor Frankreich in Europa führend, was den Einsatz von Industrierobotern angeht und steht weltweit auf Rang 4 hinter Japan, Südkorea und den USA.

Wirtschaftstheoretische Überlegungen: Steigt der Bedarf an Arbeitskräften?

Und nun stellen Sie sich vor, dass eine Automatisierung der Produktion – zum Beispiel durch Roboter – zu sinkenden Produktions- und Fertigungskosten führt. Damit würden auch die Angebotspreise sinken. Spinnen wir den Faden weiter, müsste sich logischerweise nun auch die Nachfrage erhöhen. In der Konsequenz resultiert dies auf Unternehmensseite in einem Anstieg der Arbeitsnachfrage oder anders ausgedrückt: in einem Bedarf an Arbeitskräften. Die Idee ist gar nicht so weit hergeholt, denn das war schon einmal so – vor rund 200 Jahren, als die Industrielle Revolution begann und zu drastischen Umbrüchen der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, Lebensumstände und Arbeitsbedingungen führte.

Blick zurück: Arbeitsplätze und Wohlstand statt Massenarbeitslosigkeit

Ängste vor Massenarbeitslosigkeit hat es immer gegeben, auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als das Zeitalter der Industrialisierung begann. Und was ist passiert? Das genaue Gegenteil: Mit Erfindung der Dampfmaschine hat die Zahl der Arbeitsplätze zu- statt abgenommen. Die Arbeitsproduktivität wuchs enorm, während gleichzeitig die Bevölkerungszahlen explosionsartig stiegen und der Wohlstand der Beschäftigten zunahm. Die Einführung der Elektrizität als Antriebskraft Ende des 19. Jahrhundert, die die Arbeit weiter automatisierte, befeuerte diese positiven Effekte sogar noch einmal!

Ein paar Zahlen und Beispiele aus Deutschland gefällig? Im Bergbau stieg die Zahl der Beschäftigen zwischen 1865 und 1913 von 209.000 auf 863.000, in der metallerzeugenden Industrie verdreifachte sich die Zahl der Arbeiter und Angestellten im gleichen Zeitraum von 150.000 auf 443.000. Auch die Beschäftigtenzahlen in der Bekleidungsindustrie legten von knapp 1,1 Millionen (1875) auf gut 1,5 Millionen (1913) ordentlich zu. Eine beachtliche Ausdehnung erlebte in dieser Zeit auch die Bauindustrie von 530.000 auf 1,63 Millionen Beschäftigte. Die Hitliste der Zuwächse führt die Chemieindustrie an: Zwischen 1875 und 1913 verzeichnete sie einen Anstieg von 65.000 auf 290.000 Beschäftigte.

Die Eisenbahn, vielleicht bedeutendste Erfindung der Industriellen Revolution, ermöglichte nicht nur einen schnellen Transport von Rohstoffen, Waren und Menschen, sondern auch einen deutlich billigeren: Die Transportkosten je Tonnenkilometer sanken von 10,1 Pfennig im Jahr 1850 auf 3,6 Pfennig im Jahr 1913! Die Nachfrage nach Maschinen, Stahl und Eisen, unter anderem zum Bau von Eisenbahnstrecken, Lokomotiven und Wagen stieg infolgedessen enorm. Zwar wurden Kutscher arbeitslos, weil der Transport mit Pferdewagen nicht mehr konkurrenzfähig war, es entstanden aber neue Berufe wie der des Lokführers oder Heizers – wenngleich letzterer mit Einführung von Diesel- und Elektrolokomotiven auch schon wieder verschwunden ist (Quelle).

Wer redet denn von Entlassung?

Die Rechnung all der Pessimisten, die davon überzeugt sind, jeder zweite Job würde verschwinden und den Industrieländern drohe eine bisher noch nie dagewesene Massenarbeitslosigkeit, ist wohl doch zu einfach. Denn die Vergangenheit lehrt, dass trotz einschneidender Umbrüche neue Berufe entstehen und bestehende Berufe einem andauernden Wandel unterzogen sind.

Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) belegen: Schätzungsweise arbeiten lediglich 0,4 Prozent der Beschäftigten in Berufen, die durch Digitalisierung komplett verschwinden könnten und 15 Prozent in Berufen, in denen mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten digitalisiert werden können. Bei etwa 45 Prozent der Beschäftigten können zwischen 30 und 70 Prozent der Tätigkeiten digitalisiert werden, bei allen anderen ist der Digitalisierungsanteil sogar noch kleiner – ganz besonders im Bildungs- und Sozialbereich. Denn ganz ehrlich: Würden Sie Ihr Kind oder Ihre pflegebedürftige Mutter der Obhut eines Roboters überlassen?

Berufe im Wandel

Aus dem Automechaniker ist längst schon der KfZ-Mechatroniker geworden, aus dem Müller der Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft, der Lackierer Holz und Metall darf sich heute Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik nennen und der Medientechnologe Druck wurde einmal Drucker genannt. Von einem Jobsterben aufgrund zunehmender Digitalisierung kann also keine Rede sein – von einem Wandel der Tätigkeitsfelder und neuen Anforderungsprofilen aber schon. Denn ganz gleich ob in der Automobilindustrie, im Handwerk und Handel oder im Maschinenbau: Überall spielt IT – hier in Form von Software – eine immer entscheidendere Rolle.

Die Bitkom hat in ihrer Präsentation „Neue Arbeit – wie die Digitalisierung unsere Jobs verändert“ anschaulich skizziert, wie sich auch andere Berufe mit zunehmender Digitalisierung wahrscheinlich entwickeln könnten. Da wäre beispielsweise der Lkw-Fahrer, der nicht mehr nur das Fahrzeug steuern und die Ladung aufnehmen und wieder abgeben wird. Während autonom oder halbautonom fahrende LKWs von A nach B rollen, wird der Fahrer stattdessen zum mobilen Büroangestellten, der während der Fahrt Fracht und Route plant, und allerhöchstens noch im Notfall ins Steuer eingreifen wird. Auch die Aufgaben der Zahnarzthelferin ändern sich: Wo sie heute noch Gebissabdrücke von Patienten nimmt und sich um den Versand ins Labor kümmert, wird sie morgen schon wie selbstverständlich digitale Röntgengeräte bedienen und Kronen oder Implantate am 3D-Drucker erzeugen.

Die neuen Jobprofile

Eine Branche, die sogar dauerhaft wächst, ist die deutsche ITK-Branche. Nach Angaben des IT-Branchenverbands Bitkom wurden in den vergangenen fünf Jahren 136.000 neue Arbeitsplätze geschaffen – heute haben mehr als eine Million Menschen einen IT-Beruf. So gibt es zahlreiche Jobprofile, die durch die Digitalisierung in den vergangenen 10 Jahren völlig neu entstanden sind. Darunter fallen zum Beispiel Berufe wie der Chief Digital Officer, die Datamining Spezialistin, der Mobile Developer, der Koordinator Roboter und die 3D-Druckspezialistin. Gut möglich also dass die Digitalisierung noch weitere Jobs hervorbringt, von denen wir heute nicht einmal etwas ahnen.

Tatsächlich rechnet nach Informationen des Digitalverbands Bitkom jedes zweite Unternehmen (54 Prozent) damit, dass es in den kommenden zehn Jahren mehr Arbeitsplätze für gut ausgebildete Beschäftigte geben wird. Die Anzahl der Beschäftigten mit geringen Qualifikationen und unterstützenden Tätigkeiten wird dagegen sinken, davon gehen zwei Drittel der Befragten (68 Prozent) aus. Bereits heute ist beispielsweise der Beruf der Stenotypistin, der des Schriftsetzers oder der der zentralen Telefonvermittlerin verschwunden.

Digitale Kompetenzen werden folglich einen entscheidenden Einfluss auf die Aus- und Weiterbildung in der Zukunft haben. Denn dass durch die Digitalisierung vor allem einfache Tätigkeiten bedroht sind, die sich billiger und vielfach auch besser durch Maschinen erledigen lassen, ist ebenso wenig überraschend wie die Tatsache, dass eine gute Qualifizierung beziehungsweise ein hohes Ausbildungsniveau bessere Chancen auf komplexer werdende, verantwortungsvollere Berufe eröffnet.

Digitalkompetenz als entscheidender Faktor

Alte Berufe mit neuen Herausforderungen

Dass es ohne Digitalkompetenz im Berufsleben künftig nicht mehr gehen wird, ist klar. Entsprechend große Bedeutung messen die von Bitkom befragten Unternehmen deshalb der Weiterbildung rund um Digitalthemen zu. 97 Prozent halten diese für qualifizierte Fachkräfte im Unternehmen für wichtig, jeweils rund drei Viertel für Führungskräfte (77 Prozent) und gering Qualifizierte (71 Prozent).

Auch die US-amerikanische Initiative Top Ten Online Colleges hat sich dieses Themas angenommen und die – ihrer Meinung nach – wichtigsten Fähigkeiten von Arbeitskräften im Jahr 2020 skizziert. Sie gehen unter anderem davon aus, dass neue digitale Kommunikationswege den Beschäftigten künftig ein größeres IT-Verständnis abverlangen werden. Aufgrund der fortschreitenden globalen Vernetzung werden Arbeitnehmer zudem ein stärkeres interkulturelles Verständnis für andere Kollegen und Geschäftspartner entwickeln müssen.

Fazit: Nicht weniger Arbeit, sondern andere

Die Joblandschaft wird sich dramatisch verändern. Arbeitsplätze gehen kaum verloren – wo sie wegfallen werden sie entweder durch neue substituiert oder dem Wandel angepasst. Beschäftigte müssten sich aber beruflich völlig neu orientieren. Gebraucht werden künftig Mitarbeiter mit IT-Kenntnissen – Mitarbeiter, die Daten analysieren und interpretieren können sowie ein Verständnis für Maschineninteraktionen haben.

Das alles geht nicht von heute auf morgen und schon gar nicht darf eine entsprechende Weiterbildung oder Aneignung von Digitalkompetenz dem Einzelnen überlassen bleiben. Wir sehen einen Handlungsbedarf nicht nur im Bereich der Technologie, sondern ganz entscheidend auch im Bereich der Weiterbildung und betrieblichen Organisationsmodellen: Politik und Wirtschaft sind hier gleichermaßen gefragt.

Verschlafen Unternehmen den digitalen Wandel?

LesetippUnter dem Motto: „Wir gestalten jetzt, wie wir zukünftig arbeiten“, erschien Ende 2016 der Digital Working Report. Die wichtigsten Erkenntnisse hieraus erfahren Sie hier.

geschrieben von: Diana Jensen

Diana Jensen

Diana Jensen ist Marketing Campaign Manager bei GBS. In dieser Position steuert sie die Media- und Kampagnenplanung im Print- sowie Online-Bereich. Sie trägt zusätzlich die redaktionelle Verantwortung für den GBS Blog und GBS Newsletter.

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